Von 45 Einsätzen im Gründungsjahr 2001 auf mehr als 1.150 Einsätze im Jubiläumsjahr 2026: Die Rotkreuz-Kriseninterventionsteams sind aus der Notfallversorgung in Niederösterreich nicht mehr wegzudenken. Die steigenden Einsatzzahlen zeigen, dass immer mehr Menschen diese Hilfsangebote annehmen. Vor allem aber der Dank der Klient:innen – oder oft auch nur ein Blick – zeigt, wie wichtig diese Leistungen der freiwilligen Rotkreuz-Mitarbeiter:innen in diesen 25 Jahren geworden sind. Gleichzeitig stellt sich das Rote Kreuz aber auch auf künftige Herausforderungen ein und plant im kommenden Jahr ergänzend zu den Kriseninterventions-Mitarbeiter:innen auch psychosoziale Fachkräfte in den Einsatz zu bringen.
Ein plötzlicher Todesfall in der Familie, ein schwerer Unfall, eine Gasexplosion oder auch ein Hochwasser, das alles Hab und Gut zerstört: Wenn das Leben von einer Minute auf die andere aus den Fugen gerät, sind die Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes Niederösterreich da, um zu helfen. Seit 25 Jahren leisten sie seelische Erste Hilfe – rund um die Uhr, kostenlos und getragen von Freiwilligen. Mit einer Festveranstaltung am 4. November 2026 im Minoritenkloster in Tulln feierte das Rote Kreuz Niederösterreich dieses Jubiläum gemeinsam mit Partner:innen aus Einsatzorganisationen, Wirtschaft und Politik.
„Wir sind da, um zu helfen. Das ist unser Leitgedanke, unser Grundprinzip – und eines kann man sagen, wir sind der einzige Nahversorger in der Region, der jederzeit für die Menchen da ist. Im Rettungsdienst ebenso wie in der Krisenintervention“, betont Präsident Hans Ebner, Rotes Kreuz Niederösterreich. „Es sind nicht immer körperliche, sondern oft genug auch seelische Wunden, die versorgt werden müssen. Wir, das Rote Kreuz, sehen es als unsere Aufgabe, für Menschen in Not da zu sein.“ Die Krisenintervention im Roten Kreuz übernimmt die Betreuung von Menschen nach traumatischen Ereignissen wie plötzliche lebensgefährliche Erkrankung, Verletzung oder Tod eines Angehörigen, Verlust der Lebensgrundlage etwa durch Naturkatastrophen oder ähnlichem.
Bei dem Festakt konnte das Rote Kreuz NÖ rund 180 Gäste begrüßen, darunter auch Teilnehmer:innen des ersten Kurses, der in Korneuburg stattfand, außerdem Landesrat Anton Kasser, Landesrätin Eva Prischl, Landespolizeidirektor Franz Popp, den Leiter der Abteilung Feuerwehr und Zivilschutz des Landes NÖ Stefan Kreuzer, Einsatzleiter Herbert Unterberger, ÖBB, Präsident Hannes Sauer, Samariterbund NÖ, und Präsident Markus Schimböck, Wasserrettung NÖ.
Von 45 auf mehr als 1.150 Einsätze im Jahr
Die Entwicklung zeigt, wie sehr das Angebot gebraucht wird. Im Gründungsjahr 2001 rückten die Teams zu 45 Einsätzen aus, 2025 waren es bereits 1.114 Einsätze. Das Jubiläumsjahr übertrifft das schon jetzt: Von 1. Jänner bis 15. Oktober 2026 verzeichnete die Krisenintervention des Roten Kreuzes Niederösterreich bereits 1.156 Einsätze und betreute dabei 2.762 Menschen – das entspricht dem 25,7-Fachen des Gründungsjahres.
„Dass sich die Einsätze in einem Viertel Jahrhundert verfünfundzwanzigfacht haben zeigt deutlich, wie wichtig dieses Angebot für die Menschen ist“, sagt Landesdirektor Hannes Buxbaum, Rotes Kreuz Niederösterreich. „Die Krisenintervention ist heute ein fixer Bestandteil der Notfallversorgung in Niederösterreich. Wir werden gerufen, wenn alle anderen nach Hause gehen. Wir sind da, wenn es gilt, die seelischen Wunden zu versorgen, um die nächsten Schritte setzen zu können.
Mobile Krisenintervention im Fokus
„Sicherheit, Verbundenheit, Ruhe, Selbstwirksamkeit und Hoffnung, das sind die Faktoren, die in der Krise wirken“, meint Chefpsychologe Cornel Binder-Krieglstein, Rotes Kreuz Niederösterreich, der die Krisenintervention von Beginn an mit aufgebaut hat. „Oft ist es das richtige Zuhören, das am meisten bewirkt. Und die Information, welche Schritte als Nächstes kommen und wo es welche Hilfe gibt. Ziel ist also die Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit aber auch die Unterstützung des Trauerprozesses.
Die Krisenintervention betreut Menschen unmittelbar nach traumatischen Ereignissen, noch mitten oder knapp nach dem Einsatzgeschehen. Sie versteht sich als „Mobile Krisenintervention“ und schließt das Fenster zwischen dem Ereignis selbst und einer professionellen psychosozialen Nachbetreuung. Alarmiert werden die Krisenintervention über die Rettungsleitstelle auf Anforderung von Rettungsdienst, Feuerwehr, Polizei oder Katastrophenschutzbehörde. Die einzelnen Teams werden dann von der Einsatzkoordination des Roten Kreuzes NÖ eingeteilt und in den Einsatz geschickt.
Von Galtür bis heute
Den Grundstein legte 1999 die Lawinenkatastrophe von Galtür, bei der erstmals Psycholog:innen als freiwillige Rotkreuz-Mitarbeiter:innen Opfer, Angehörige und Einsatzkräfte betreuten. In Niederösterreich sind die Kriseninterventionsteams seit 2001 im Einsatz. Heute stehen landesweit 296 geschulte Mitarbeiter:innen in multiprofessionellen Teams bereit: erfahrene Einsatzkräfte ebenso wie Fachkräfte aus Psychologie, Sozialarbeit, Pflege oder auch andere Berufsgruppen. Die Ausbildung umfasst neun Tage plus Prüfung plus Erstgespräch an der Bezirksstelle und Auswahltag im Vorfeld und wird laufend weiterentwickelt.
„Hinter jeder dieser Zahlen stehen Menschen, die in den schwersten Stunden ihres Lebens nicht allein waren – und Freiwillige, die dafür ihre Zeit und ihre Kraft geben“, betont Landesgeschäftsführer Thomas Wallisch, Rotes Kreuz Niederösterreich. „Was sie damit bewirken, ist unbezahlbar. Ihnen gilt heute unser größter Dank.“
Blick nach vorne
Seit diesem Jahr liegt die landesweite Einsatzorganisation nach der Erstalarmierung durch 144 Notruf Niederösterreich direkt beim Roten Kreuzes. Die Teams werden hier koordiniert und in den Einsatz gebracht. Neue Projekte werden aber bereits auch für das kommende Jahr angedacht.
„Wir arbeiten aktuell daran, dass wir künftig auch weiterführende Angebote in Form von psychosozialen Fachkräften in den Einsatz bringen“, sagt Binder-Krieglstein. „Bereits vor einigen Jahren gab es erste Überlegungen, Mitarbeitende mit einschlägiger beruflicher Qualifikation verstärkt in die Krisenintervention einzubinden. Jetzt wollen wir diese Idee auch zur Umsetzung bringen. Diese Fachkräfte sind weiterhin regulär in den mobilen Kriseninterventionsteams tätig und können bei besonderem Bedarf gezielt durch die Rotkreuz-Einsatzkoordination der Krisenintervention angefordert werden.“ Ziel sei es, vorhandene Fachkompetenzen noch gezielter zu nutzen und damit die psychosoziale Betreuung insbesondere in komplexen Krisensituationen weiter zu stärken.
MMag. Sonja Kellner, PhDr. Andreas Lachner-Zenker, MSc., MBA
